6 „Dinge“, die Kinder wirklich brauchen

Kind spielt am FlußMuss man Kinder formen? Muss man sie erziehen? Muss man sie „frühfördern“? Muss man sie lehren und belehren? Brauchen sie das neueste und pädagogisch und lerntechnisch sinnvollste Spielzeug? Oder was brauchen unsere kleinen Wunderwesen wirklich?

Man kann ihnen die Welt zeigen, sie an schöne Orte bringen und mit vielen Menschen in Kontakt bringen. Man kann ihnen Möglichkeiten geben, sich selbst zu entfalten und ihnen Liebe schenken als die wichtigste Basis und für ein starkes Sicherheitsgefühl.

1. In Ruhe lassen

Für mich ist das „Lassen“ elementar wichtig. So viele Eltern nerven ständig an ihren Kindern herum. „Mach das, mach das nicht, mach schneller, schau mal hier, zeig mal her, was machst du da schon wieder…“ Ständig zerren sie die Kinder aus einem vertieften Spiel heraus und oft sogar leider ohne wirklich wichtige Gründe. Solange ich die Geduld aufbringe und es ertragen kann, lasse ich meine Kinder in Ruhe. Das ist sehr viel Arbeit für mich, weil wir das einfach nicht gewohnt sind. Wir haben Vorstellungen davon, wie es sein soll. Wir wollen ständig schnell und effizient sein und wir wollen unseren Kindern zeigen, wie sie die Dinge besser und schneller hinbekommen können. Und wir wollen ihnen erklären, wie die Dinge in der Welt ablaufen. Eltern sind in den Augen der Kinder wohl oft ziemlich nervig. Die Kinder in Ruhe zu lassen, sie selbst ihre Erfahrungen machen zu lassen und sie nur zu drängen, wenn es wirklich sein muss, ist manchmal wirklich schwierig, auch für mich. Trotzdem ist mir bewusst, wie wichtig es ist, die Kinder in Ruhe ihre Dinge tun zu lassen. Deswegen bin ich mir sicher, dass sich die Mühe lohnt. Wenn wir uns die Zeit nehmen, unserer Kinder in ihrem Spiel zu beobachten, können wir einen kleinen Teil dieser Welt voller Wunder miterleben.

2. Freiheit

SwingIch versuche die Freiheit meiner Kinder nur in zwei Fällen einzuschränken. Der erste ist, wenn es gefährlich ist. Autos, tiefe Gewässer, strömende Gewässer, giftige Dinge, sind Gründe für mich sofort und entschieden „nein, stopp, halt“ zu sagen. Und das natürlich auch sofort umzusetzen. Danach erkläre ich ihnen aber, warum hier sofort gehandelt werden musste. Der zweite Einschnitt in die Freiheit meiner Kinder passiert dann, wenn sie die Freiheit anderer Menschen einschränken. Natürlich auch meine eigene Freiheit, auch wenn man sich als Mutter manchmal leider vergisst. Ich möchte mich selbst frei und gut fühlen. Deswegen möchte ich das natürlich auch für meine Kinder. Die Freiheit meiner Kinder soll nicht durch andere Menschen eingeschränkt werden. Deswegen müssen sie selbst auch darauf achten, die Freiheit der anderen Menschen nicht einzuschränken. Sie sollen ihr Leben auf keinen Fall als Zwang empfinden. Oder als lästige Pflichten, die sie aus unverständlichen Gründen erfüllen müssen. Wir leben doch nicht, um zu müssen. Sie dürfen ihr Leben genießen und so leben, wie es in ihrem persönlichen Lebensplan vorgesehen ist. Das ist für mich Freiheit.

3. Zeit

Hand mit Stein, SteinturmZeit ist inzwischen das kostbarste, was wir haben. Zeit in ein rares Gut und es gibt viel zu viele Dinge, die wir tun wollen, oder glauben tun zu müssen. Dass man fleißig arbeiten muss, wird uns von frühester Kindheit eingeimpft. Das Leben und die Zeit fließen immer schneller so dahin und oft haben wir das Gefühl, gar nicht mehr hinterher zu kommen. Dabei sind wir konstant im Stress. Wo sind diese „grauen Herren“ aus Michael Endes Buch „Momo“? Und wie können wir sie besiegen? Wie kommen wir zurück zur Einfachheit und zur Ruhe?

Wenn ich ruhig, entspannt und gelassen bin, habe ich absolut keine Probleme mit meinen Kindern. Ich kann die Geduld und Ruhe in Person sein. Was aber, wenn man selbst gestresst ist? Dann geht plötzlich gar nichts mehr und ich werde genau zu dem, was ich mit so viel Mühe zu vermeiden versuche. Ich bin genervt, ich nerve die Kinder, ich beschuldige sie grundlos, ich schimpfe und manchmal kommen sogar richtige Aggressionen in mir hoch. Dabei kann es passieren, dass ich mal laut schreien muss, oder mit der Hand auf den Tisch haue. Denn auch das klare Denken ist im Stress sehr schwierig. Das schreibe ich nicht gerne hier öffentlich auf. Ich schäme mich dafür manchmal regelrecht zu einem „Monster“ zu werden. Genau dieses Monster gegen das ich normalerweise geschickt verbergen und „bekämpfen“ kann. Nur manchmal kommt es leider doch an die Oberfläche. Und dann folgt natürlich der Frust darüber, nicht so sein zu können, wie man das gerne möchte. Was manchmal hilft, wenn sonst nichts mehr geht ist es für mich zu singen. Wenn die Kinder laut herumschreien, fange ich an zu singen und habe das Gefühl, dass sich meine Ohren wenigstens ein Stück weit verschließen. Oder einfach nicht alleine zu sein. Sobald ich mich in einer Gruppe von Menschen befinde, kommt mein inneres Monster nie zum Vorschein. Wahrscheinlich auch eine Folge unserer kranken Gesellschaft, in der man sich als Mutter oft allein gelassen fühlt. Selbst wenn man in einer großen Stadt wohnt und von massig Menschen umgeben ist, so kann man doch einsam sein und sich hilflos alleine gelassen fühlen.

Aber zurück zum Thema Zeit: für Kinder ist es sehr wichtig, Zeit zu haben und ihnen Ruhe schenken zu können. Zeit zu haben, nicht effektiv sein zu müssen. Zeit zu haben, stehen zu bleiben und zu warten und beobachten. Ein Kind, sieht überall spannende Dinge. Ständig fallen dem Kind neue Ideen ein, oder irgend etwas erinnert sie daran, was sie eigentlich noch spielen wollten. Kinder leben im „Jetzt“ und kennen kaum ein Zeitgefühl, was eigentlich ganz wunderbar ist. Was wahrscheinlich diesen Charakter des „unbeschwerten“ und „fröhlichen“ Daseins, das so typisch für kleine Kinder ist, ausmacht. Für uns Erwachsene, die einen Zeitplan im Kopf haben und Verabredungen getroffen haben, ist es aber schwierig. Denn unsere Kleinen verstehen und akzeptieren nicht, oder nur sehr schwer, dass jetzt keine Zeit mehr ist, alle Steine zu sammeln und alle Blumen zu zählen. Schenke deinem Kind doch wenigstens ab und zu deine Zeit. Keine festen Termine, einfach nur Zeit an einem schönen Ort mit deinem Kind oder deinen Kindern. Beobachte sie und staune, wenn du magst. Diese Ruhe und diesen Ausgleich brauchen Kinder heutzutage unbedingt in unserer Welt, die immer schneller dreht.

4. Liebe

Bedingungslose Liebe, Schutz und Geborgenheit sind unglaublich wichtig für kleine Kinder. Und damit sie daran keinen Zweifel haben, sage ich ihnen das auch immer wieder. „Ich bin sauer auf dich, aber das ändert nichts daran dass ich dich unendlich lieb habe!“ sage ich meinen Kleinen. „Egal, was du tust, ich werde dich immer lieb haben. Daran wird sich nie etwas ändern“ Das sage ich meinen Kindern nicht nur, sondern ich meine es auch genau so. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Kinder erfahren die Welt sehr auf der Gefühlsebene. Wenn ich mich über die Große ärgere und mal laut werde, fängt die Kleine an zu weinen. Sie versteht nicht, dass es nur um die Große geht und ist von meinen Emotionen immer mitbetroffen. Auch wenn ich mich mal mit ihrem Vater streite, und die Kinder dabei sind, sage ich ihnen immer, dass das absolut nichts mit ihnen zu tun hat. Viele Trennungskinder denken, sie seien Schuld. Wie schrecklich! Noch besser ist es natürlich von vornherein zu versuchen solche Situationen und Streitereien vor den Kindern zu vermeiden. Aber manchmal passiert es eben doch mal.

Liebe ist die Basis für Sicherheit und Geborgenheit. Nur wer Kinder hat, weiß was bedingungslose Liebe bedeutet. Niemand wirst du jemals so lieben, wie dein Kind. Und diese Liebe wächst täglich und hört niemals auf zu wachsen.

5. Gemeinschaft

Zweisam, KinderKinder brauchen Menschen um sich. Kinder brauchen andere Kinder und andere Erwachsene um sich. Was sie meiner Meinung nach nicht brauchen, ist eine Gruppe von Kindern um sie, die alle das gleiche Alter haben. Denn das fördert leider oft die Konkurrenz zwischen den Kindern. Wer bestehen will, muss lauter und besser sein, als die anderen. Große Kinder sind viel spannender, große Kinder können einem helfen. Kleinen Kindern kann man etwas zeigen, was man selbst entdeckt hat und bekommt große, leuchtende und anerkennende Augen von den Kleinen geschenkt. Erwachsene Menschen können spannende Dinge. Oft auch Dinge, die man alleine nicht tun darf. Erwachsene sind verschieden und auch diese Vielfalt ist heilsam für die Kinder. Die Eltern sind der sichere Hafen, die Menschen, die hinter einem stehen und einem Sicherheit und Stärke geben. Die anderen Menschen folgen vielleicht anderen Regeln, tun andere Dinge und haben einen anderen Wortschatz. Andere Menschen bereichern die Vielfalt der Erfahrungen der Kinder. Auch die Vielfalt an unterschiedlichen Beziehungen und Interessen sind äußerst bereichernd.

6. Baustellen zum Spielen

Hand auf SteinKinder brauchen Orte an denen man frei spielen kann. Ohne ernsthafte Gefahren und natürlich am besten draußen in der Natur. „Baustellen“ gefüllt mit einfachem Naturmaterial mit dem sie in Ruhe tun können, was sie tun wollen und müssen. Solche Materialien sind zum Beispiel Steine, Stöcke, Kies, Sand, Erde, Blätter, Wasser, Holzspäne, Ton, Schneckenhäuser und vieles mehr. Kinder tun nichts Überflüssiges. Alles, was sie tun ist für sie wichtig.

Damit meine ich nicht, dass die Eltern eine Art Parcours aufbauen und mit der Erwartung herangehen, dass das Kind gewisse Stationen absolviert. Das ist Blödsinn. Man sucht einen Ort oder schafft Orte in denen die Kinder in Ruhe und möglichst ungestört von den Erwachsenen spielen können. Umso vielseitiger der Ort zu Spielen genutzt werden kann, umso besser. Und dann? Dann sagt ihr: “So Kinder, jetzt könnt ihr spielen.” Und das ist alles, mehr brauchen die Kinder nicht. Und meistens muss man ihnen das auch gar nicht sagen. Denn wenn man Kinder in Ruhe lässt, dann spielen sie ganz von alleine. Rudolf Hettich ist nach jahrelanger Arbeit an und mit Waldkindergärten zu genau diesen Erkenntnissen gekommen, bzw. hat sie immer wieder bestätigt gesehen.

Wasserspiel, Kind spielt mit WasserDieses Spiel ist elementar wichtig und höherwertig als alles, was wir (verbohrten) Erwachsenen uns als „pädagogisch wichtig“ ausdenken könnten. Denn Spielen ist auch laut aktueller Hirnforschung die allerbeste Art um nachhaltig zu lernen (siehe zB. Gerald Hüther). Denn beim freien Spielen ist auch die Freude und die Begeisterung dabei. Und die braucht es, wenn das Gehirn nachhaltig gefüllt werden soll. Ist das nicht unglaublich beruhigend? Ein Baby, das auf die Welt kommt, bringt schon alles mit. Wir Eltern müssen es „nur“ lassen und es so wenig wie möglich stören. Das Kind lernt alles zum richtigen Zeitpunkt und auf die bestmögliche Art. Nämlich durch das Spiel. Säuglinge bringen quasi den bestmöglichen, „personalisierten Lehrplan“ serienmäßig mit (siehe zB. auch André Stern dazu). In diesem Spiel sind Kinder unglaublich ausdauernd und wiederholen alles so oft, wie sie es brauchen. Danach gehen sie zum nächsten Schritt in ihrem „persönlichen Lehrplan“ über. Keiner hätte diese Ausdauer, wenn er zu etwas gezwungen würde, was gerade gar nicht dran ist in seinem persönlichen Lebensplan. Und was noch viel schlimmer ist, es bringt auch gar nichts. Denn wenn Interesse und Freude fehlt, speichert das Gehirn auch nicht mit. Das Gehirn wird gezwungen für eine Weile etwas in den Kurzzeitspeicher aufzunehmen, um es anschließend so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Also lasst eure Kinder spielen, so lange und so frei wie möglich!

Eine liebevolle Beziehung, Ruhe und Gelassenheit und einen wundervollen Tag in der Natur wünsche ich euch!

Lilith

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